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Kommentar zum Leonardo-Zyklus

Leonardo Zyklus
Musikszenarien (1994-2017) nach und mit Prophezeiungen von Leonardo da Vinci.

Im Zuge der redaktionellen Mitarbeit an der Beuys-Publikation zur 'plastischen Theorie' Denken ist bereits Plastik und der damit verbundenen Recherche einer Zitatenauswahl, die sich auf das geistige Umfeld des Künstlers Beuys und seiner Arbeit beziehen sollte, gerieten  beim Studium von Leonardo da Vinci -Texten die weniger bekannten Prophezeiungen in den Focus und gaben den Ausschlag, diesen literarischen Formen musikalisch nachzuspüren.

Der Leonardo-Zyklus bezieht sich auf die ca. 166 Prophezeiungen von Leonardo da Vinci, die Ende des 15. Jahrhunderts entstanden und eine verwirrende Kategorie innerhalb der Aufzeichnung da Vinci's einnehmen. Das Universalgenie bediente sich des literarischen Kunstgriffs des Rätsels, um seine Beobachtungen der Zeit - ins Futur gesetzt - zu verschlüsseln und so auf eine prophetische Ebene zu heben.

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In den sogenannten Prophezeiungen, ihrer Form nach Rätsel, ihrem Inhalt nach Prophezeiungen zukünftiger Ereignisse, die erraten werden müssen, steht gewöhnlich der unheilvoll-orakelhafte Ton im Gegensatz zu dem vielfach trivialen Charakter der Lösungen. Valletin behauptet, daß viele dieser Prophezeiungen populären Sprichwörtern und zeitgenössischen Schriften entstammen, sie versteht sie jedoch, wie andere auch, als Ausdruck von Leonardos eigenen Überzeugungen und Meinungen. In der Regel wird ihre feindliche Tendenz gegenüber Mensch, Gesellschaft und Kirche herausgestellt.
Die Prophezeiungen stellen eine psychologische Fundgrube dar. Sie enthalten einen Reichtum an
Symbolen, und die Untersuchung durch einen erfahrenen Forscher könnte einige der am tiefsten verdrängten Geheimnisse Leonardos aufdecken. Gerade weil die Lösungen oft so trivial sind, konnte das Verdrängte ohne Angst projiziert werden. Die Prophezeiungen eigneten sich ganz ideal für Leonardos Ich-Defekt. Mit ihnen konnte er das Schrecklichste und das Abscheullichste ausbreiten und bei seinem Zuhörer die höchste Spannung erzeugen, nur um sie gleich danach aufzulösen, LeonardoHumanophon1.jpgindem er das Rätsel - wenigstens vorgeblich - als trivial und harmlos enthüllte.
Man darf vermuten, dass die Prophezeiungen zwei Funktionen hatten: Der Redner kann sich wohl geschützt durch sein besseres Wissen, in voller Sicherheit mit dem Zuhörer identifizieren und an der trauma-ähnlichen Spannung teilhaben, die durch die Ankündigung des Schrecklichen erzeugt wird. Nach dem sie sich als überflüssig errwiesen hat, darf er danach auch an der Entspannung teilhaben. So setzt er Mechanismen in Gang, die Freud in seinem Buch über den Witz postuliert hat.

Der Erfinder der Prohezeiungen kann alle möglichen schrecklichen und entsetzlichen Themen zur Sprache bringen und sie, indem er sie in einen alltäglichen Rahmen stellt, als Triviales abtun, ganz so, als ob er sich selbst davon überzeugen müßte, daß man, wenn solche wie in den Prophezeiungen vorhergesagten abscheulichen Dinge passieren würden, bei der Vorstellung Zuflucht finden könnte, daß es gleichartige oder sogar identische Ereignisse gibt, die durchaus nicht schrecklich sind. Diese Identität jedoch wird durch ein Spiel mit den vielfältigen Bedeutungen der Wörter oder der Sätze hergestellt. Insofern die sprachliche Gleichsetzung des Schrecklichen mit dem Trivialen eine beruhigende und tröstliche Wirkung gehabt zu haben scheint, kann man sagen, daß Leonardo sich in diesem Fall wie ein psychologischer Nominalist oder sprachlicher Realist verhalten hat, wenn solche Begriffe hier zulässig sind.1)

Die kompositorische Umsetzung dieser Prophezeiungen bedient sich musiktheatralischer Mittel in der Wahl des Countertenors als Verkünder der Prophezeiungen mit all seinen Rückbezüglichkeiten zur Kirchengeschichte und der mit ihr verbundenen Geschichte des Kastratengesangs. In den meisten Fällen werden Klänge als Ausgangsmaterial zur Generierung  elektroakustischer Ebenen herangezogen, die in der jeweiligen Prophezeiung thematisiert sind.

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Diese elektroakustischen Ebenen schaffen einen Kontrapunkt zu den meist kleinen Besetzungen (u.a. Stimme solo; Stimme u. Schlagzeug; Stimme Schlagzeug u. Trompete). Zuweilen beeinflussen Themen einzelner Prophezeiungen auch die Wahl kompositorischer Verfahren, so wird etwa in der Prophezeiung  I dadi - Die Würfel die Aleatorik nicht nur als dramatisches Mittel oder zur Form- und Klangfindung , sondern auch als Kompositionsverfahren eingesetzt. Darüber hinaus werden zur Gewinnung kompositorischer Strukturen Methoden der Textdekodierung, etwa das numerologische System des Pythagoras, herangezogen, auch als ironischer Querverweis auf die in der Renaissance oft übliche Manier der Textverschlüsselung.

Wenn auch schon der Komposition Stigmata für Trompete und Schlagzeug (1994) eine Leonardo – Prophezeiung  zu Grunde liegt, wurde 1996  mit der kompositoriischen Umsetzung von De' metalli und seinen Aufführungen bei den Tagen für Neue Musik in Darmstadt und einem Mitschnitt des WDR während des Rheinischen Musikfestes in Köln der Grundstein für einen großformatigen Leonardo Zyklus gelegt.

copy2_of_Bombarde.jpgNachfolgend kam es u.a. zu Uraufführungen von Auftragsarbeiten etwa Il trittico della passione 2001 während des KlangArt Festivals in Osnabrück, im gleichen Jahr zur UA von Delle Pelle I während der Tage für Neue Musik Darmstadt sowie einem Mitschnitt durch den HR und  anschließenden Aufführungen  in Frankreich und der Schweiz. Delle pelle II wurde 2005 in dem Preisträgerkonzert der Globusklänge in Stuttgart ausgezeichnet und zur Uraufführung gebracht,  2010 wurde De la bocca dell’ omo ch’è sepoltura Preisträger des Internationalen Kompositionswettbewerbs des Forum Zeitgenössische Musik Leipzig / FZML und in Leipzig uraufgeführt. Im Folgejahr konnte die Komposition Delle bombarde anlässlich des 20jährigen Bestehens der profectio initiative in Freiburg zur Uraufführung gebracht werden. 2016 wurde die Komposition Delle spade e lance in dem SYN FLOW Konzert - Vier Horizonte im E-Werk- Freiburg uraufgeführt. Nach einer Studiophase im Sommer 2017 im Studio Château de Faverolles und der französischen Ersteinspielung und -aufführung des gesamten Zyklus’ kann erstmalig eine eindrückliche Inszenierung der Musikszenarien 
nach und mit Prophezeiungen von Leonardo da Vinci aus dem Leonardo-Zyklus des Komponisten Andreas H.H. Suberg  präsentiert werden.

In einer eindrucksvollen Inszenierung entwickeln Daniel Gloger - Countertenor, Paul Hübner – Trompete und Alphorn, 
Olaf Tzschoppe - Schlagzeug und A.H.H. Suberg – Klang/Regie vor einer prophetischen Kulisse ein dramatisch theatralisches Musikszenario zwischen Humor, Apokalypse 
und aktuell politischer Brisanz und transferieren die 500 Jahre alten Prophezeiungen des Universalgenies in die Jetzt-Zeit.


1) zitiert nach: Leonardos Prophezeiungen und ihr Bezug zum oralen Sadismus. In: K. R. Eissler: Psycholanalytische Notizen zu einem Rätsel; aus dem Amerikanischen übersetzt v. Pauline Cumbers und Michael Berg. - Basel; Frankfurt a. M. 1992

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